Hineingeworfen
Es begann unvermittelt.
Wenn ein Mensch bis ins hohe Alter rundum selbstständig und körperlich fit durchs Leben geht, täglich lange Wanderungen unternimmt, in den letzten Jahren mehrere schwere Erkrankungen locker durchgestanden hat … und dann plötzlich stürzt, mehrfach innerhalb weniger Tage, immer wieder, und sich vor Schmerzen kaum noch halten kann, wenn einfachste Verrichtungen nicht mehr gelingen, dann überrumpelt einen das doch. Irgendwie hatte man sich an ein ewiges Steh-auf-Männchen-Dasein gewöhnt, allen voran er selbst.
Nun also plötzlich: Pflegebedürftig. Nicht ein wenig, nicht ein paar Augentropfen und Stützstrümpfe und Fahrdienste und so, sondern ziemlich umfassend:
Immer wieder stürzt er – also muss jemand aufhelfen bzw. – optimalerweise – die Stürze verhindern. Sturzträchtige Bewegungen sind zu vermeiden – also muss jemand die Mehrzahl der Haushaltstätigkeiten übernehmen. Blase und Darm hören auf, zuverlässig zu funktionieren – also muss jemand hier behilflich sein, so oft es nötig ist. Bewegungen außerhalb des Hauses sind nur noch in Begleitung möglich – also muss jemand einkaufen fahren, Apotheken- und Arztbesuche sowie – mindestens ebenso wichtig – das Draußensein überhaupt ermöglichen, für die Seele. Die Schmerzen nehmen überhand – also muss jemand – endlich doch mal – die Arztbriefe der letzten Monate sortieren, darin Indizien für schwer gewachsene Metastasen finden, bislang gekonnt ignoriert, und die nun anstehenden ärztlichen Termine organisieren.
Diese jemand bin ich. So plötzlich kann aus dem Familienkreis nur ich das übernehmen. Ich ziehe mehr oder weniger ins Haus mit ein, bin weite Teile des Tages präsent und beginne mich um alles zu kümmern. Wenn ich in der Schule bin, schaut – als Übergangslösung – eine Nachbarin vorbei. Während seine Kinder, verstreut in verschiedene Orte und Lebenslagen, ihre Dinge so schnell gar nicht abbrechen könnten, um diese Rolle zu übernehmen. (Mal abgesehen davon, dass ich das nicht will – um ihretwillen. Immerhin sind wir – und das tut unglaublich gut – täglich über eine WhatsApp-Gruppe verbunden und beraten uns regelmäßig, was die nächsten Schritte angeht.)
Nunmehr also in eine plötzliche Rundum-Pflegesituation geworfen, sind zahlreiche Dinge fällig, besser gestern als heute, kaum in wenigen Tagen abzuarbeiten:
Sofort einen Pflegedienst ins Boot holen, zum Organisieren der akuten Schritte und auf lange Sicht für die tägliche Pflege. Ebenso eine ambulante Palliativversorgung zum Einstellen und Lindern der Schmerz- und sonstigen Symptomatik. Tausend Fragen sind mit der Krankenkasse zu besprechen, wir haben über Tage gefühlt eine Standleitung. Beim medizinischen Dienst muss die Erhöhung des Pflegegrades beantragt werden. Ich sondiere Agenturen für eine häusliche 24-h-Betreuung, die alternativlos scheint – und belese mich dabei über Pflegegelder, die rechtliche Situation der bald zu engagierenden Arbeitskräfte und sonstige juristische und versorgungstechnische Details. Telefonate auf der Suche nach Haushaltshilfen verlaufen jedoch erfolglos: Es gibt nirgends welche, weil schlicht keine Arbeitskräfte verfügbar sind. Alle möglichen Alltagsabläufe müssen umgestellt werden. Die Apotheke liefert von jetzt ab alles ins Haus, der Supermarkt noch nicht (denn das gemeinsame Einkaufen ist Teilhabe). Hausarzt und Palliativversorgung kommen zu uns, zusätzlich manchmal auch über den Hausnotrufknopf gerufene Pflegekräfte oder aber der RTW, wenn wir einen nächtlichen Sturz nicht allein bewältigen können. Treppenlift- und Sanitärfirmen geben sich die Klinke in die Hand, denn – und hier muss ich aufpassen, nicht wütend zu werden – das hohe Alter ebenso wie die Krebserkrankung ließen sich bisher offenbar gekonnt ignorieren.
Dazu teile ich Schmerzen, Ängste und Schlaflosigkeit. Mit im Haus lebend, kann man sich auch dem fremden Albtraum nicht entziehen.
Ich funktioniere. Tue. Erledige. Organisiere. Erkundige. Koordiniere. Durchdenke. Tröste. Sondiere. Verabrede. Bestelle. Frage. Beantrage. Bezahle. Erkläre. Bespreche. Mache.
Innerhalb weniger Tage fühle ich mich schon völlig verbraucht. Ich habe keine Ahnung, wie ich das in dieser Intensität weiter und auf lange Sicht durchstehen soll.
Als ich nach sechs Tagen dank der Nachbarin erstmals ein paar Stunden frei habe und auf einen Freundesgeburtstag fahre, bin ich verblüfft, dass die Welt draußen noch existiert. Zu extrem ist der Kontrast zur Pflegewelt, eine Kaskade von Beobachtungen völlig vergessener Details flutet mich. Mein Zeitgefühl ist verloren gegangen, in wenigen Minuten S-Bahn-Fahrt rattern mehr Gedanken durch mein Hirn als in der vergangenen letzten Woche. Und bei den Freunden muss ich mich erstmal leererzählen und leerweinen von dem Geschehenen.
Nun also: Ich habe eine neue Aufgabe im Leben. – Kürzlich erst, zum Jahreswechsel, schrieb ich, dass ich mich nach meiner großen Reise nicht mehr an das extensive (im Gegensatz zum intensiven) Leben gewöhnen möchte, dass ich mir mehr Intensität wünsche.
Aber so hab ich das doch nicht gemeint, oder?