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Palliativ

„Sie können doch beide nicht mehr.“ Die Ärztin unseres ambulanten Palliativdienstes erfasst es mit einem Blick, kaum dass sie unser Haus betreten hat.
Sie hat recht, so sehr recht: Wir können nicht mehr. Insbesondere die Nächte sind zu einer einzigen Überforderung geworden. Toilettengänge und Stürze in dichter Folge, ich versuche, erstere zu begleiten, letztere zu verhindern und zwischendurch ein wenig auf der Couch zu schlafen. Mehrere Nächte lang jetzt schon. Tagsüber gehe ich in die Schule, kann dort kaum noch ein Auge offenhalten. Und auch M. findet in den Nächten weder Schlaf noch Erleichterung auf der Toilette. Dazu der Schmerz, der immer wieder aufwallende Schmerz. Die nachlassende Gehfähigkeit. Unser auswegloses Suchen nach Ideen, wie man diesen Lebenszustand bewältigen könnte.
Es stimmt: Wir können nicht mehr.

Und doch: Das Wort Palliativstation schockt. Es ist in meinem Kopf nahezu ein Synonym für Hospiz. In seinem auch. Wir haben ja keine Ahnung …
Deswegen fühlt sich die plötzliche Vorbereitung auf die Klinik an wie ein Nie-wieder. Jedenfalls eine drohende Möglichkeit: Nie wieder in die Wohnung zurückkehren? Nie wieder zu Hause leben? Nie wieder die Klinik verlassen?
M. wird tief traurig, verzweifelt fast. Während ich geschäftig Sachen packe: Welche Bilder sollen mit? Welche Kinderzeichnungen? Welche Briefe? Welche Erinnerungsgegenstände? Die Kleidung ist dagegen fast schon unwichtig.
Auch in meiner Kehle macht sich ein Kloß breit. Was, wenn er wirklich nicht mehr zurückkehrt? Die Nachbarn schauen vorbei, sie verabschieden sich, wussten bis eben nichtmal, dass er Krebs hat, sind gleichfalls sprachlos.

Meine Schulleitung (sie ist die beste!) gibt mir für morgen frei, damit ich zur Klinik-Aufnahme mitfahren kann. Denn die Ärztin hat durch ausdauerndes Telefonieren tatsächlich schon für morgen ein Bett gefunden. Krankentransport und Überweisung hat sie auch gleich organisiert. Sie wurde uns als Engel über den Weg geschickt.

Ich weine. Vor Erleichterung. Morgen wird alles gut – fast fühlt es sich so an. Und dabei bohrt in mir beharrlich dieses Nie-wieder als angstbesetzter Gedanke.
Und noch etwas bohrt in mir: Ich habe es nicht geschafft. Ich habe die Versorgung hier nicht bewältigt. Habe es nicht hinbekommen. Habe jetzt schon aufgegeben. War nicht gut, nicht stark, nicht fähig, nicht ausdauernd genug. Habe nicht genügt. Das alles wühlt in mir. (Ich bin sicher, würde ich das irgendjemandem „vom Fach“ erzählen, ich würde Kopfschütteln ernten und nur Umarmungen bekommen. Aber das kann ich in diesem Moment nicht sehen. Ich fühle mich wie eine Versagerin.)

Am nächsten Morgen schickt uns das Leben einen weiteren Engel über den Weg: Kurz vor Ankunft des Krankentransports steht M.s Lieblingspfleger von der Sozialstation in der Tür. Gänzlich unerwartet. Ich hatte dorthin gar keinen Kontakt in den letzten Tagen. Ahnt er? Wurde er vom Palliativdienst informiert? Ein Rätsel, fast ein Wunder.
Augenblicklich fühlt sich M. in seiner Verzweiflung besänftigt und getröstet. S. strahlt tiefes Verstehen und Zuversicht aus, ein heller Lichtfleck an diesem so schwer daherkommenden Tag. Er hilft beim Anziehen, beim Fertigmachen für den Transport.
Der KTW kommt, M. wird hineingefahren. Ich sitze noch eine Weile im leeren Zuhause, wie betäubt, bevor auch ich ins Auto steige und hinterherfahre.

Auf der Station ist es kahl, als ich eintreffe. Ein Bett inmitten eines leeren Zimmers, M. sitzt verloren und einsam im Raum. Wir übertönen die Stille durch Reden, ich beginne auszupacken, die Fotos vor allem. (Morgen werde ich weitere ausdrucken lassen, eine leere Fotowand wartet.)
Und dann … füllt sich nach und nach alles mit Leben. Pflegerinnen klopfen an, stellen sich vor, beginnen uns zu befragen und von den Möglichkeiten hier auf der Station zu erzählen. Eine Ärztin kommt zum Gespräch, ein Therapeut, eine Sozialarbeiterin, Menschen voller Herz (und medizinischer Kompetenz). Sie alle legen ihre Hände auf unsere, auffangend, umarmend.

Im Laufe der nächsten Tage gibt es – endlich! – eine gelingende Schmerzlinderung (nach mehreren Umstellungen wird es ein Fentanylpflaster in Kombination mit weiteren Medikamenten), einen Katheter, Hilfe bei anderen körperlichen Beschwerden und – am wichtigsten – offene Ohren, Herzen, Hände für alles, was uns sorgt, aufwühlt, beängstigt. M. hat viele Gespräche, die ihn aufbauen und beruhigen, ich kläre mit der Sozialarbeiterin die komplette Hilfsmittelversorgung (ein Rollstuhl, ein Toilettenstuhl, Duschoptionen … das meiste andere haben wir schon). Wir sprechen ab, wie es zu Hause weitergehen soll, welche Pläne B und C zur Verfügung stehen. Und erst dann, als zu Hause alles fertig gerichtet ist, wird über Entlassung gesprochen.

Ein letzter Abend, ich komme zum Abendessen, nebenher packe ich alles ein. Pflegerin J. setzt sich zu uns. Erzählt vom ambulanten Hospizverein, in dem sie ehrenamtlich tätig ist, und bietet diesen als Begleitung für die bevorstehende Zeit an. Großartig.
Nach zehn Tagen fühlen wir uns stark genug für zu Hause.

Ach so, und „Palliativstation“ ist natürlich kein Synonym für „Hospiz“. Das war in mir nur so verknüpft, weil ich bisher – wie vermutlich viele Menschen – zur Sphäre des Abschiednehmens von Gesundheit und Leben viel zu wenig Kontakt hatte. „Palliativ“ stammt vom lateinischen Wort Pallium = Mantel. Palliare bedeutet: mit einem Mantel bedecken und umhüllen. Palliativ – das Gegenteil von kurativ – werden Krankheiten behandelt, bei denen keine Heilung mehr angestrebt wird. Es geht um Lebensqualität, um Linderung und Kontrolle der Symptome. Und um Zuhören und Begleitung beim Abschiednehmen.

Genau das haben wir erlebt. Zehn wunderbare Tage lang. Was für ein Segen, an diesen Ort gekommen zu sein. Was für ein Trost zu wissen, dass M. jederzeit wieder dorthin zurückkehren könnte. Zum Erholen. Wenn wir zu Hause mal wieder nicht mehr können. 

6 Kommentare

  • Sofasophia

    Ich bin froh, dass du in dir schon so viel Lebenserfahrung gesammelt hast, um mit dieser so ganz neuen Situation einen unter den schwierigen Umständen bestmöglichen Umgang zu finden. Auch wenn darum immer wieder neu gerungen werden muss. In Gedanken bin ich sehr oft bei dir.

  • Markus Kolbeck

    Diese Plötzlichkeit, diese Vollbremsung eines Lebens erlebe ich als Pfleger auf einer Station (Geriatrie/Nephrologie) ständig. Wir sind der Umschlagplatz für so viele Menschen, die durch Frailthy und rezidivierenden Stürzen, an diesen Punkt kommen, an dem Pflege und Beistand nötig wird. Das alles ist für uns auf Station, ausgerüstet und logistisch mit allem Pipapo versorgt, ein bewältigbares Problem. Aber zuhause, neben einem Beruf zumal, alle Achtung! Das ist so kräftzehrend, so alternativlos zunächst. Ich wünsche weiterhin Kraft!

  • Sigrid

    Mir ging es wie Ihnen. Auch ich habe bisher Palliativ eher mit Hospiz in Verbindung gebracht. Es ist gut diese Sichtweise relativiert zu bekommen. Damit kann ich im Fall des Falles hoffentlich die Angst meiner Schwiegermutter lindern.
    Aber Pfelgekräfte zu denen die Chemie stimmt sind Gold wert.

    • rebis

      Wir haben schon beides erlebt: sehr stimmige und sehr unpassende Beziehungen zu Pflegekräften. Damit steht und fällt so viel. Man hat aber leider nicht immer Einfluss darauf.

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