Allgemein

Eine 24-h-Betreuung

Es war eine lang schon gehegte Idee, ein Hoffnungsschimmer, eine Karte, auf die wir eine Zeitlang alles setzten. Wir – das sind in diesem Fall seine Kinder und ich. M. selbst nicht. Wochenlang hatten wir auf ihn einreden, uns beschimpfen lassen, ihn überzeugen müssen, dass eine solche Betreuung alternativlos sei.

Als die Stürze sich mehrten, seine Mobilität abnahm, die Alltagsverrichtungen nicht mehr allein zu bewältigen waren, willigte er ein. Endlich. Ich durfte Agenturen kontaktieren. Holte mir allseits Empfehlungen, bekam die Dämpfer („Erwartet nicht zu viel.“) gleich gratis mitgeliefert, begann mit der Suche. Eine kleine lokale Agentur kam uns persönlich beraten, eine überregionale hatte einen größeren Pool an potentiellen Betreuungskräften, bei beiden füllten wir unsere Bedarfsfragebögen aus, und sehr schnell bekamen wir die Unterlagen von vier Männern zugesandt. (Vermutlich, weil wir „Geschlecht egal“ angekreuzt hatten. Offenbar sind Männer schwerer zu vermitteln.)
Nun, tatsächlich dachten wir, dass ein Mann besser passt. Denn das wichtigste Bedürfnis für den Moment bestand darin, möglichst geeignete Gesellschaft zu bekommen. Zu reden, zu spielen, Filme zu schauen, nach draußen zu gehen. Da zu sein in Alltagsabläufen, gemeinsam zu kochen. Deswegen wählten wir „sehr gute Deutsch-Kenntnisse“ (was um einiges teurer ist), stimmten die Interessen auf M.s ab, schauten auf Referenzen, die genau dies versprachen … und wählten schließlich W. aus. Sehr viel Erfahrung, sehr viel Lob von vorherigen Betreuten, per Zeugnis bescheinigte Empathie – alles, was wir suchten.

Um es kurz zu machen: Nichts davon stimmte. Es passte hinten und vorn nicht. Von der ersten Minute an hatte ich ein extrem schlechtes Bauchgefühl, was sich leider in kürzester Zeit bestätigte. M. wurde in Körperpflege- und Essensfragen wie unmündig behandelt und seiner Autonomie beraubt. W. redete kaum mit ihm, dafür umso lauter und andauernd in sein Telefon. Er beschimpfte M., rollte mit den Augen, drohte sogar mit der Polizei (weil M. seine Bekleidung gegen W.s Vorstellungen auswählte) – unglaubliche Szenen spielten sich ab. Unsere Pflegekräfte wurden angesprochen und sollten gegen M. aufgebracht werden. Auch ich wurde grob beschimpft und belehrt, über fehlende Pflegeausstattung, über Schmutz und Unordnung im Haushalt, über seine abwesenden Kinder …
Jetzt, wo ich dies schreibe, fühlt es sich nochmal krasser an. Unvorstellbar, unzumutbar. Dass W.s Deutsch entgegen seinen Referenzen nur dürftig war – wir mussten sehr langsam und einfach sprechen und verstanden oft nicht, was er meinte -, war bei all dem noch das kleinste Problem.

Als ich realisierte, dass wir so keinesfalls weiterleben können, zog es mir kurzzeitig völlig den Stecker. In der Schule brach ich in Tränen aus, nach der Schule wagte ich mich kaum nach Hause, in allen Alltagsabläufen fühlten wir uns beklommen. Die vermeintliche Betreuungslösung hatte sich als Seifenblase entpuppt.

Gleich am ersten Tag rief ich daher die für uns zuständige Agentur an und berichtete. Und doch kündigten wir nicht sofort. Anfangs dachte ich sogar noch, dass wir uns einfach nur extrem bemühen müssen um ein Leben unter einem Dach. Weil ich an das Gute glaube, im Menschen, und in Beziehungen. Weil ich – wie so oft – davon ausging, dass wir es hinbekommen müssen, dass ICH es hinbekommen muss. Dass wir doch nicht am ersten Tag gleich aufgeben können.
Später sahen wir die Aussichtslosigkeit ein, schoben jedoch die Kündigung immer noch hinaus. Weil ich nämlich ein Wochenende mit dreitägiger Abwesenheit vor mir hatte. Auf keinen Fall wollte ich M. so lange mit W. allein lassen, weil wir nicht sicher waren, was dann passiert.

Also hatten wir letztlich vier lange Wochen durchzuhalten, bis W. endlich unseren Haushalt verließ. Ersatzweise hatten wir daraufhin von der Agentur – nach etlichem Hin-und-Her sowie einigen Versuchen, das uns zustehende Kündigungsrecht zu beschneiden – eine junge Frau vermittelt bekommen. Diese übernahm die Betreuungstätigkeit, bis unsere letztlich gültige Kündigung des Betreuungsverhältnisses wirksam wurde.
Obwohl damit vieles schlagartig besser wurde, bekamen wir auch hier nicht das von uns gesuchte Vertrauensverhältnis. Ihre Mitarbeit in unseren Tagesabläufen war wenig hilfreich und mühselig auf andere Weise. Aber das zu beschreiben geht jetzt zu weit. Letztlich waren wir froh, als wir Ende März endlich wieder ganz allein im Haus waren.

Vielleicht waren wir naiv, dass wir auf eine gute Betreuung hofften, ohne ausdauernd zu suchen? Vielleicht gibt es wohltuende, hilfreiche Betreuungskräfte wirklich, wenn man sich nur lange genug danach umsieht? Für’s nächste Mal – wenn es dazu kommen sollte – müssen wir uns auf jeden Fall mehr Zeit zum Auswählen nehmen, vorab ein Videotelefonat führen, bei mehr Agenturen anfragen – und zügiger kündigen, wenn es so dermaßen nicht passt. Vor allem aber sollten wir unsere Erwartungen herunterschrauben. Wenn jemand mit einem Mindestmaß an Respekt und Kompetenz agiert und dabei nicht ganz unfreundlich ist, dann sollten wir schon glücklich sein. Dann können wir diese Form der Betreuung vielleicht in der Zukunft für eine begrenzte Zeit nutzen, damit ich mal eine kleine Auszeit nehmen kann. Oder wenn ich irgendwann wirklich zu erschöpft sein sollte, um meine Doppeltätigkeit weiterzuführen.

(Wobei: Die Kosten für eine Betreuungskraft liegen bei mindestens 3000 Euro im Monat. Dazu zahlt man die An- und Abreise (dreistellige Beträge) sowie das Essen (was unsere beiden durch großzügige Einkäufe teurer Produkte nutzten). Letztlich kommen fast 4000 Euro monatlicher Kosten zusammen. Dafür könnte ich auch aufhören zu arbeiten …)

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert