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Die Dinge eines Lebens aufräumen

Es ist schwer, es tut weh. Ein jedes Ding, das in seiner Umgebung, meiner Umgebung, unseren Haushalten herumliegt und -steht, eine jede kleine Materie ist mit Leben gefüllt. Mit einem vergangenen Zweck oder einem zukünftigen Alltagsauftrag, mit Erinnerungen oder Plänen, mit Ästhetik, mit Lebenslust. Unser Sein ist eingebettet in ein Universum an Haushaltsgegenständen, Dokumenten, Kleidungsstücken, Büchern, Erinnerungsdingen, Möbeln und in ein wildes Konglomerat an Krimskrams. So richtig verstehen, warum unser materielles Universum so groß und unüberschaubar geworden ist, tut niemand. Wir verankern uns in diesem Materiellen, haben es unreflektiert um uns und vermischen unser Dasein nahezu untrennbar mit ihm.

Unterwegs, in meinem vergangenen Reisejahr – dies als kleiner Einschub – bestand mein Dinge-Universum aus nicht mal vierzig Kilo. Jeder Gegenstand hatte eine strenge Prüfung zu durchlaufen, bevor er mit auf die Reise durfte. Kein einziger davon war überflüssig, alle habe ich benötigt, nahezu alle täglich in die Hand genommen.

Und nun … stehe ich vor zwei Riesenhaushalten. Meiner, der in den nächsten Monaten hierher ins Haus umziehen muss. Seine Dimensionen sind eigentlich normal, an unserem heutigen Lebensstil gemessen. Nur im Vergleich mit meiner Reise wirkt er übervoll, und im Vergleich mit dem wenigen Platz, der vorerst hier im Haus zur Verfügung steht. Denn sein Haushalt, in dem ich mich gerade einzurichten versuche und in dem ich freie Räume für meine Dinge schaffen muss, seiner ist über viele Jahrzehnte angewachsen, wurde nie richtig durch- und schon gar nicht aussortiert, besteht aus schier unvorstellbaren Bergen von Ungeordnetheiten.
Dies gilt es aufzuräumen. Viel Zeit bleibt nicht, denn ich muss meine Wohnung in wenigen Wochen verlassen. Eine zufällige Koinzidenz der Notwendigkeiten: dort wird wegen Hausverkaufs grundsaniert, ich muss meine Wohnung im Sommer verlassen. Deswegen ziehe ich – statt in eine Ersatzwohnung – gleich hier ein.

Also: Dinge über Dinge. Welche haben eine Bedeutung? Welche werden eine Bedeutung für uns Hinterbliebene behalten, über den Tod hinaus? Welche sind ihm besonders wichtig? Welche tragen wesentliche Spuren seines Lebens? Welche sind mit starken Emotionen verknüpft? Welche sind vielleicht ererbt und gehören zum Familienbaum? Welche Dokumente – aus einer riesigen Wand voller Leitz-Ordner – sind zentral? Wer ist wer auf den Fotos, vor allem aus früheren Jahrzehnten? In welchen Büchern, welchen Noten spiegelt er sich, welche sind ihm wesenseigen und urverinnerlicht? Welche alltagspraktischen Gegenstände sind so eng mit seinen Routinen verknüpft, dass wir sie kaum weggeben können, selbst wenn wir sie selbst nicht benutzen?

So vieles wissen wir in einem fremden Haushalt nicht. Schon bei meinem eigenen tue ich mich schwer, alle diese Fragen zu beantworten. Deswegen versuche ich schon lange, regelmäßig Unwesentliches zu entsorgen, mit mehr oder weniger Erfolg. Hier aber, hier scheint es aussichtslos. Hier ist nie sortiert und weggeworfen worden. Ein Großteil der Dinge scheint uns fremd. Wir wissen so wenig. – Nun versuchen wir, es in Erfahrung zu bringen. Vielleicht finden sich im Gespräch am Krankenbett einige Antworten auf einige der obigen Fragen.

Natürlich bleibt – selbst wenn wir Antworten hätten auf all die Fragen – ein Rest, in diesem Fall ein riesiger, an Wegzugebendem. Bei Kleidung, Medikamenten, Lebensmittelvorräten, Skiausrüstung und alten Landkarten haben wir den Schritt bereits hinter uns. Zufällig waren diese Bereiche besonders dringend. Und das schon tat weh. Jeder weggeworfene oder weggegebene Gegenstand ist ein Stück beseitigtes Leben. In jedem steckt Energie, Liebe oder Geld, meist eine Mischung aus all dem. Ein jeder Gegenstand schenkte und schenkt ihm auf seine Art Geborgenheit, war und ist mental wärmend oder tröstlich oder alltagshilfreich oder sicherheitgebend. All diese Dinge, selbst die kleinsten unscheinbaren, formten sein Leben. Zumindest: formten es mit. Er hat viel weinen und schlucken müssen, als wir die Berge sortierten. Manchmal hat er gar nicht hinsehen wollen. — Wie sehr sind wir die Dinge, die wir haben? Wie viel bleibt von uns ohne all unsere Materie?

In diesen Tagen begreife ich: Wir sind nicht so getrennt, nicht so materiell entlöst wie ich immer dachte. Ich spüre es bei jedem kleinen Ding, das ich in eine der Abfalltonnen werfe. Bei jeder Frage, die ich ihm stelle nach der Bedeutung einzelner Gegenstände. Bei jedem Blick, den ich in dem wahnsinnig vollgestellten Haus schweifen lassen. – Hier überall ist er, sein Leben, sein Sein. Wie räumt man das nun auf? Wie räumt man es weg? Wie trennt man es von seinem Leben?

Das Durchlaufen der Aufräumschritte ist voller Schmerz. Für ihn sowieso, er wird sich täglich bewusst, was er alles loslassen muss. Schon dadurch, dass er das Erdgeschoss nicht mehr verlassen kann und den größten Teil seines Haushalts, seiner Dinge nicht mehr sehen, (be)greifen und (er)fassen kann. Und dadurch, dass ich ihn befrage. Zu diesem und jenem, zu den Erbstücken, zu den Bildern an der Wand, den unzähligen Reiseerinnerungen, zu seiner riesigen Bücherwand, zu all den Dokumenten. Meist sprechen wir nur über ein oder maximal eine Handvoll Dinge. So komme ich natürlich nie voran beim Wissen und Verstehen und Entscheiden und Reduzieren.
Unerwartet ist das Reduzieren aber auch für mich als Außenstehende weit schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Denn auch mir tut es weh, sehr weh, Stücke seines Lebens wegzuwerfen, seine Geschichte aufzulösen, Fäden in die Vergangenheit zu entknüpfen, seinen inneren Halt verwehen zu lassen, all das.

Wir ringen. Es schmerzt. Ein Leben loszulassen, schmerzt. Wer würde anderes behaupten.

Ein Kommentar

  • Sofasophia

    Nur schon ein „normaler“ Umzug tut unglaublich weh, ich kann nur ahnen, wie schrecklich schmerzhaft das ist, was ihr beide da durchmacht.

    In Gedanken bin ich ganz oft bei dir. ❤️‍🩹

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