Was ich brauche?
Das fragt sie mich. K. vom ambulanten Hospizdienst kommt schon das dritte Mal zu M., als auch ich ihr – endlich – begegne. Als sie geht, fällt dieser kurze Satz: Es sei ja sicher auch für mich kein Spaziergang. – Nein, in der Tat. Ist es nicht. – Allein dieser Satz aber macht ihn für einen Moment leichter, den Nicht-Spaziergang. Gesehen werden. Das, was mir in letzter Zeit am meisten fehlt. – Was ich bräuchte, fragt K., damit es mir besser ginge. In diesem Moment zwischen Tür und Angel weiß ich nicht, was ich antworten soll, welche realistischen Dinge ich benennen könnte.
Jetzt, ein paar Tage später, kommt mir vieles.
Vor allem bräuchte ich Zeichen, dass ich gesehen werde und dass mir kurz jemand zuhört. Nicht in langen Gesprächen, nicht über meine Pflegearbeit und meine Erschöpftheit, nicht über meine Trauer, die jetzige und die bevorstehende. Sondern vor allem darüber, was mir im Moment am meisten und täglich den Stecker zieht: Die erschöpfende, sich im Kreis drehende, schlecht gelingende, stets an mir hängende, düsterdunkle Kommunikation mit M. Darin haben meine Situation und meine Rolle keinen Platz. Unsere Gespräche haben immer mit dem vor IHM liegenden Weg zu tun. Mit seinen Abschieden. Mit seinen Verwerfungen. Mit seiner Miss-Kommunikation. Mit seinen Ängsten und Dunkelheiten. Mit seinen Verlusten, seinen Fehlern, seinen Irrwegen. Wieviel in diesem langen Leben unbearbeitet geblieben ist. Immer wieder wirft er es in diesen Tagen auf mich. Und ich habe zu reagieren … Wenn da jemand mit draufschaute, ein wenig nur, manchmal. Mich spiegeln, meine Wahrnehmungen abgleichen, mich bestätigen oder mir widersprechen würde. Mich mit anderen Augen schauen ließe. Mir seine Sicht mitteilte. Mir helfen würde, alles was ich wahrnehme – und wie ich darauf reagiere – einzuordnen.
DAS wäre uns eine Hilfe. Mir, weil ich, meine Sicht und mein Sein in der begleitenden Rolle weniger von Zweifeln durchsetzt und mehr greifbare Gestalt annehmen würde. Es wüchsen Sinn und Stimmigkeit, die mir so oft in diesen Tagen fehlen, wenn ich in Unsichtbarkeit vor mich hin arbeite. Werde ich doch nichtmal von M. gesehen. Dabei hat er mich den ganzen Tag um sich. Und ihm wäre es auch eine Hilfe. Weil er von mir besser gesehen werden würde. Weil unsere Kommunikation dann vielleicht wenigstens punktuell gelingen könnte.
(Den Dämpfer, die ambulante Hospizbegleitung wäre ja gar nicht für mich da, sondern nur für die Betroffenen, es seien also keine Gespräche für mich vorgesehen – von jemand anderem kürzlich eingeworfen – veratme ich. Diese Aussage ist auf mehreren Ebenen unpassend und falsch. Dazu vielleicht später mehr.)
Und sonst, was bräuchte ich noch? Die Frage geht mir tagelang durch den Kopf. Ich rede vor mich hin, wie so oft sortieren sich die Gedanken im Ausgesprochenwerden.
Spontan bringe ich aus meiner Wohnung die Heißluftfritteuse ins Haus. Soulfood ist wichtig. (Eines Abends schenke ich mir gebackenen Tofu. Erstmals seit Wochen. Nachdem ich – in der angespannten Situation mit den Betreuungskräften und weil es anders nicht möglich war – in den letzten Wochen sogar Fleisch gegessen habe. Brrrr. – Wie gut, mir wieder selbst treu zu werden.)
Momente des Für-mich-selbst-Daseins brauche ich. Zwischen all den Aufgaben innehalten und für mich sein. Sitzen. Schauen. Schreiben. Lesen. (Und eben: Die Heißluftfritteuse – als kleines Symbol all dessen, was ich nur für mich tue. M. hasst Tofu.)
Die Zeit nicht so zerfleddern zu lassen. Deutlich abgegrenzte Zeitabschnitte am Tag, in denen ich nicht verfügbar bin und nur mir gehöre. (Das wird sicher auch leichter, wenn ich oben unterm Dach meinen Raum eingerichtet habe.)
Ja, Räume im Haus brauche ich. Nachdem ich den Kampf um eine Handtuchstange – nur für mich:) – gewonnen habe, nachdem ich mir eine halbe Kommodenseite argumentativ erarbeitet habe (was nicht leicht war, auch für M. nicht: Klamotten aussortieren tut in seiner Situation natürlich extrem weh) und fortan nicht mehr aus Taschen und Stapeln leben muss, werde ich weiter räumen. Bis ich mir meine Sitzecke, meinen Schreibtisch, meinen Raum zum Arbeiten und zum Luftholen geschaffen, bis ich Fächer in der Küche freigeräumt habe, für meine – veganen – Lebensmittel. Und bis in den wesentlichen – bisher chaotischen – Ecken des Hauses eine Grundordnung geschaffen ist, in der ich mich wohlfühlen kann.
Wege im Draußen brauche ich. Mich für einen Tag oder eine Nacht aufs Rad setzen, den Kocher mit dabei, vielleicht sogar das Zelt, und draußen sein. Oder den Neckarsteig gehen, Stück für Stück, ich nur für mich. Während M. allein bleiben kann. (Ich muss mir dies immer wieder sagen: Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass er rund um die Uhr Hilfe hat. Er kann allein bleiben. Und er kann andere Menschen fragen. L. zum Beispiel. Oder A. – Ob es gelingt, dass ich in künftigen Ferien länger mit dem Rad unterwegs sein kann? Eine Woche zu Pfingsten? Drei Wochen im Sommer? Wir werden sehen. Ich bin wieder optimistischer, was dies angeht.)
Austausch brauche ich. Den Menschen, mit denen ich zu tun habe (derzeit wenige) öfter sagen, wie es mir geht. Nicht darauf warten gefragt zu werden. Den Freunden, die nur ihn anrufen und für die ich – im Moment – kaum existiere, klarmachen, welche Rolle ich innehabe. (Die ehemaligen Freunde, die seit der Trennung nur noch mit ihm kommuniziert und mich verurteilt haben, die jetzt allerdings auch nicht da sind, die vergesse ich am besten. Für immer.)
Jedenfalls: Man wird nicht sichtbar, wenn man still in der Ecke verharrt. Ich darf mich zeigen. Und stolz sein, darauf, was ich bis heute schon geschafft habe, in dieser neuen Rolle, die ich weder gesucht noch gewünscht habe.
Das Schreiben brauche ich – wahrscheinlich – auch. Einen Blog einrichten? M. und R. machen dies sofort für mich (und nicht nur das). Was für großartige Freunde. Die nichtmal sauer sind, wenn ich tagelang nicht auf ihre Fragen reagiere. Vorerst setze ich kurze Zeilen bei Mastodon ab. Schon das hilft, zuweilen. – Ja, fürs Gesehenwerden ist man ein stückweit selbst verantwortlich.
Den Nachhall meiner Reise brauche ich. Ganz unbedingt muss ich diesen wieder zum Tönen bringen. Das ist der Bereich, der mir im Januar am stärksten weggebrochen ist. Die Reise scheint mir manchmal schon nicht mehr geschehen zu sein, in so weite Ferne ist sie gerückt. Ich muss mir bewusst und klar Zeiten nehmen, in denen ich wieder in die Reise abtauche. Fotos weiter sortiere. Aufzeichnungen weiter strukturiere. Texte weiter schreibe. Erinnerungen weiter pflege. Neue Weiterreisepläne träume.
Was ich von M. im Bereich Kommunikation erwarten darf, ist nicht viel. Hier muss ich all das, was er nicht geben, wahrnehmen oder aussprechen kann, kompensieren durch einen warmen Blick auf ihn, einen Blick, der seiner langen Lebensreise gerecht wird und ihm verzeihend entgegenkommt. Das ist dann selbst für mich tröstlich, die ich von ihm so lange und so oft verletzt wurde. Was mir dabei bewusst wird, immer mehr: Wie dankbar ich für unsere jetzige Situation bin. Um wie vieles besser unsere Kommunikation ist, im Vergleich zu früher. Weniger Konflikte, weniger Eskalationen.
Für all das, was ich bräuchte – brauche! – benötige ich in erster Linie Zeit. Wie immer schon laufe ich zwar in der Krise zu Höchstform auf (danke, L., für diesen Spiegel!), muss aber zwischendurch meine Quellen auftanken.
Ich brauche Zeit. Der Rest wird dann machbar.
Zeit also:
Eine 24-h-Betreuung? Hat uns beide mehr Kraft gekostet als Entlastung gebracht.
Nachbarinnen und Nachbarschaftshilfe? Schon angefragt. Ein paar Stündchen werden wir hoffentlich zusammenstückeln.
Haushaltshilfe? Gibt es nirgendwo. Keine Arbeitskräfte verfügbar. – Ich bleibe dran. Werde nicht müde werden, wieder und wieder weiterzusuchen. Ra. kennt jemanden und fragt. Mi. fragt rum. St. hat eine Idee.
Gartenhilfe? Wird sich hoffentlich finden. So wie auch Hilfe für meinen Umzug ins Haus. Ich hab ein so tolles Kollegium. Bei solchen Aktionen lassen wir einander nicht allein.
Die Kinder? Die kommen so oft sie können. Ich sollte mich noch weniger scheuen, ihnen direkt bei der Ankunft (oder vorher) zu sagen, welche Aufgaben anstehen. Nicht als zögerliche Bitte, sondern als deutlichen Auftrag. Bisher wollte ich sie noch immer irgendwie schonen. Klar, mitten in ihren eigenen Aufgaben, Prüfungen, Ausbildungen, Krankheiten. – Ich glaube aber, sie wollen gar nicht geschont werden. Nicht nur weil es auf meine Kosten geht. Jedenfalls muss ich klarer werden ihnen gegenüber.
Deputat reduzieren? Ja, zur Not. Vielleicht erst im nächsten Schuljahr. Denn eine Klasse abzugeben macht mir fast mehr Aufwand als sie die verbleibenden Schuljahreswochen durchzuunterrichten. Ab September aber könnte ich weniger machen. Glücklicherweise darf man das – in diesem Fall: aus Pflegegründen – sehr kurzfristig entscheiden.
Was bleibt zu sagen? Das Wichtigste. Das Wichtigste zum Schluss:
Ich habe mich freiwillig in diese Situation begeben. Und begebe mich jeden Tag aus freien Stücken wieder hinein. Die Verantwortung, die ich übernommen habe, die trage ich, weil ich sie tragen will. Es ist meine Entscheidung, hier diese Rolle zu übernehmen. Meine Entscheidung ist klar und stimmig.
Jemandem auf seinen letzten Wegen nah zu sein, macht mich tief dankbar. Ein Leben schließt sich, das ist etwas Großes. Dimensionen des Seins werden spürbar, Sinn wird greifbar. Dies begleiten zu dürfen, bedeutet Vertrauen und ist Geschenk. Es hinterlässt mich in Demut.
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2 Kommentare
Sofasophia
Ich staune, wie du Gefühle verdichten kannst, immer wieder neu staune ich darüber und ich fühle auch, wie beim Schreiben Klarheit wächst, oder vor dem Schreiben, so genau weiß ich das nicht. Aber ich habe sehr großen Respekt vor dieser deiner Lebensreise, dieses Begleiterin-Sein, dieses bewusste und klare Weggefährtin-sein-Wollen, trotz allem.
Danke, dass du diese Texte aufschreibst, damit wir dich sehen dürfen, dich in Gedanken begleiten dürfen. Und auch für dich schreibst du sie auf, vor allem für dich.
Schreiben ist eine gute Alternative zu schreien, denn das wäre ja auch eine Möglichkeit, den Druck, der auf uns lastet, irgendwie abzubauen.
Ich denken oft an dich und wünsche dir Kraft und den Mut, innezuhalten, wann immer es nötig ist.
Sigrid
In vielen Deiner Gedanken und Gefühle finde ich mich wieder; insbesondere das“Gesehen-werden“ ist so wichtig und der eigene „Raum“.
Ich habe Dich gern auf Deinen Radreisen begleitet und werde es jetzt auch hier aus der Ferne tun.