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Von Respekt, Selbstachtung und Macht

„Bei Aggressionen oder wenn er mich grob behandeln würde, wäre ich raus“, sagt mir eine Freundin.
Ja, diese Situationen gibt es. Nicht jeden Tag, aber doch regelmäßig. Verbale Grobheiten, Beschimpfungen, oder einfach nur die subtile Form des Anschweigens. Auch Bitte und Danke kommen nicht regelmäßig über seine Lippen. Letzteres verstehe ich sogar. Sich in einer so extrem veränderten, ungewohnten Rolle wiederzufinden, aus totaler Unabhängigkeit in starke Abhängigkeit geworfen zu werden, sich helfen und unterstützen lassen zu müssen bei elementarsten Alltagsschritten – DAS tut weh. Das greift die Selbstachtung, möglicherweise sogar das Gefühl der eigenen Würde an. Dass dann nicht immer ein „Danke“ fließt, finde ich nur zu verständlich. Dass – in der schweren Erkrankung und mit beginnendem Sterben vor Augen – die Stimmung oft gereizt und latent aggressiv ist, verstehe ich auch. Er will gesehen werden.

Aber. Da bin auch noch ich. Ich will auch gesehen werden. Unsichtbar all die Arbeit tuend, die von ihm nicht wahrgenommen wird. Die vielen kleinen Handgriffe, über den Tag verteilt. Jeder einzelne kaum der Rede wert, aber die Summe zerreißt mir meine eigene Tagesgestaltung. Das Haus im Hintergrund am Laufen halten bzw. in vielen Bereichen überhaupt erst ins Laufen bringen. Tonnen von organisatorischen Absprachen, von denen er nichtmal ahnt. Und die er – unbewusst – torpediert, indem er an mir vorbei dann auch noch Dinge regelt, womit manchmal alles durcheinander gerät und er einmal mehr das Gefühl bekommt, dass seine Stimme keinen Wert mehr hat.
Jedenfalls: Meine Rolle ist eh schon schwer genug, als dass ich auch noch stark wäre, verbalen Angriffen jederzeit mit Ruhe und Gelassenheit zu begegnen. Das Beschimpftwerden und fast noch mehr das Übersehen- und Ignoriertwerden tut mir so weh … ich kann kaum atmen, wenn ich derart beworfen werde.
Was tun?

Ein großes Fragezeichen. Kann ich meine Aufgabe, meinen Dienst hier überhaupt verlassen? Wenn ich es täte – oder auch nur damit drohte, sei es offen ausgesprochen oder in Gedanken: dann würde ich meine Macht ausnutzen, was ich so nicht will. Denn ja: Jemanden pflegen, der darauf angewiesen ist, der ohne einen nicht auskommt, bedeutet: Macht über ihn ausüben.
Ich habe also Macht. Die Macht, ihn allein zu lassen, für kurze oder lange Zeit. Aus meiner Perspektive hieße das, mich den Aggressionen und Beschimpfungen zu entziehen. Aus seiner: hilflos in seinem Zustand verlassen zu werden. Zu ersterem habe ich das Recht, zu letzterem nicht (sagt mir mein innerer Wertekompass).

Es gab – für mich – eine Schlüsselsituation: Als sich seine gesundheitliche Situation im Februar so unvermittelt verschlimmerte, als ich inmitten einer gravierenden Sturzserie unerwartet aus meinem Alltag hinzueilen musste, als seine Not und meine Gehetztheit aufeinanderprallten, waren wir beide außer uns, emotional. In diesem Moment zeigte ich eine Reaktion, die ihn zu dem Satz „Du bist ein grausamer Mensch.“ veranlasste.
Ich stand wie erstarrt. Dies wäre jetzt der Moment, auf dem Absatz umzukehren und das Haus gleich wieder zu verlassen, dachte ich.
Fast im gleichen Moment aber sagte eine leise Stimme in mir: „Ich verlasse Dich in Deiner Situation nicht. Ich nehme diese Aufgabe an. Ohne Wenn und Aber.“

Ohne Wenn und Aber.
Dieser Satz ist in mir geblieben, bis heute. Ohne dass ich ihn je wieder in Frage gestellt hätte. – Habe ich dadurch unser Machtverhältnis umgekehrt? Habe ich MICH angreifbar gemacht, der Respektlosigkeit ausgeliefert, meine Selbstachtung aufs Spiel gesetzt? Sind wir auf diese Weise in eine symmetrische(re) Konstellation gekommen? – Mindestens partiell. (Denn im Unterschied zu ihm, der aus seinem erkrankten Körper nicht fliehen kann, könnte ich mein inneres Versprechen doch eines Tages wieder auflösen.)

In mir bleiben riesige Fragezeichen.
Wie behalte ich in unseren alltäglichen Konfliktsituationen meine Selbstachtung und spiele gleichzeitig nicht meine Macht aus? – Durch Kommunikation, das ist im Prinzip schon klar. Aber im Moment gelingt konstruktive Kommunikation nicht. Was in Pflegesituationen nicht so selten, vermutlich eher die Regel ist. Spätestens, wenn Demenz ins Spiel kommt. (Bei uns zum Glück nicht. Aber das Dilemma wirkt ähnlich.)
Kann ich seine Aggressionen an meiner Rolle abprallen lassen? (So wie ich es als Lehrerin gelernt habe und tue.) – Ich glaube kaum. Ich bin ja keine professionelle und bezahlte Pflegerin.
Schaffe ich all das in Gesprächen aufzugreifen und wenigstens im Nachhinein abzumildern? (Auf eine Entschuldigung wage ich nicht zu hoffen. Aber wenigstens auf partielle Einsicht und Verbesserung der Stimmung.) – Jedes solche Gespräch kostet unendlich viel Kraft. Die ich im Moment eigentlich nicht übrig habe.
Wie weit muss es gehen, dass ich mich wirklich schütze und (zeitweise) zurückziehe? Wie viel Respekt kann ich erwarten? Wann sind möglicherweise wirklich rote Linien überschritten, die mich zum Gehen treiben würden?
Oder ist all das letztlich doch der Krankheit zuzuschreiben? So dass ich es als Teil der Pflegendenrolle lernen muss zu akzeptieren. Und irgendwann schaffe, durch es hindurch zu atmen. Mich zu regulieren, in den Emotionen, die die seinen bei mir auslösen.

Das arbeitet in mir. Schwer, diese kreisenden Gedanken loszulassen und abzuwarten, was die Zukunft bringt. Ob wir es schaffen, in ein tragbares Miteinander zu finden. Ich hätte nunmal schon gern Pläne B und C in der Schublade. Die gibt es aber derzeit nicht.
Sollte ich unsere Situation besprechen, mit J., mit R., mit A.? – Das könnte helfen. Spiegel bekommen. Über meine Rolle, mein Auftreten, meinen Anteil an den Schwierigkeiten. Und Verständnis, immer noch mehr Verständnis für seine Situation. Denn ja, diese ist der Ursprung von allem. Tauschen möchte ich mit ihm nicht. Und vielleicht würde ich in seiner Lage auch meine nächsten Menschen beschimpfen.

Vielleicht nämlich ist diese Situation einfach nicht auflösbar. In einem Treff für pflegende Angehörige berichten alle mehr oder weniger dasselbe. Und dass sie deswegen Wut haben. Ins Auto gehen und schreien, das sei ein Ventil. – Ich nutze meine Zeiten auf dem Rad. Manchmal weine, schimpfe und schreie ich stundenlang auf dem Fahrrad vor mich hin. In verlassenen Waldstücken natürlich nur …

Ein Kommentar

  • Sofasophia

    Auf Mastodon schreibst du, dass es heute anders ist. Ein halbes Jahr ist seither vergangen. Ich bin froh, dass es anders wurde, besser anders hoffentlich. Es tut mir echt leid, dass es so schwer war.

    Mich beschäftigen deine Gedanken über die Macht, die eins hat, haben kann. Vielleicht ist das einzige Mittel gegen Machtmissbrauch dieser innere Kompass, von dem du schreibst. Und das Bewusstsein der Macht.

    Ich stelle mir zuweilen vor, was ich tun würde, wenn ich an deiner oder M.s Stelle wäre.

    Zum Glück habe ich Vollmachten und so weiter und bin EXIT-Mitgliet, aber dennoch: Das alles ist für uns alle eines Tages ein Thema. Und ich bin froh, drum, dass du deine Gedanken hier mit uns teilst.

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