So Traurigkeiten
Plötzlich überfällt es mich. Als Welle, als Schub. Meine Bewegungen werden langsam, mein Herz weh, mein Blick blind. Mimik und Antrieb setzen aus, Freude erstarrt, unlebendig fühle ich mich, wie eingefroren. Es kommt immer plötzlich. Ein Schleier zieht vor alles, was vor meinen Augen – es ist Frühling – erblüht … erblühen sollte. In diesen Stunden sehe ich nichts. Momente, in denen ich mich fühle, als wenn jede Energie aus mir hinausgeweht ist. Kein Schritt ohne hundertfachen Vorsatz, kein Handgriff ohne minutenlange Selbstüberredung. Zeiten, die ganz der Traurigkeit gehören.
Warum und woher kommt dies so plötzlich? Mein Kopf sagt, dass es mir doch eigentlich gut geht. Naja, gemessen an … anderen. „Es gibt immer andere, denen es schlechter geht“, schreibt mir jemand auf Mastodon. Stimmt. Allein schon unter meinen nächsten Menschen: H., S., P. – Diese drei sind meine Held*innen. Ich betrachte sie in ihrem Leben, sehe ungläubig, dass sie nicht in Verzweiflung und Trauer über ihre Verluste versinken. – Was hab dagegen ich zu tragen.
Und doch: Meine kleinen Traurigkeiten stoßen mich immer wieder mit voller Wucht in die Realität. Ich habe einen Teil meines Freiraums aufzugeben – derzeit. Muss mich in einen Umzug hineinarrangieren, in ein Haus, das ich kaum frei und unemotional bewohnen kann. Habe das intensive Nachbearbeiten meiner großen Reise unterbrechen müssen, auf einen Schlag, im Januar. Komme kaum dazu, mich noch zu erinnern, über die Zeiten unterwegs zu sinnieren. Und kann schon gar keine neuen Radzeiten planen. Kann ja nichtmal eine kleine Drei-Tage-Runde drehen. Habe seit Januar nicht mehr auf dem Rad gesessen. Habe für den Moment verloren, was mir immer und immer wieder Trost und Frieden geschenkt hat, was vielleicht meine stärkste Kraftquelle war: Das Draußensein mit Rad und Zelt.
Um das trauere ich. Um das Leben, in dem ich meine Schritte frei gesetzt habe, in dem ich mich frei bedienen konnte aus dem Universum meiner Kraftquellen. – Nun muss ich für den Moment lernen, in kleineren Kreisen zu leben. Mich aus neuen, unscheinbareren Quellen zu stärken. (Anders als M. darf ich hoffen, dass es eine vorübergehende Zeit ist, dass ich irgendwann wieder anknüpfen kann an das Vorher.)
Und natürlich trauere ich um den Verlust unseres bisherigen gemeinsamen Lebens. Unser Familiensein zu viert ist schon jetzt nicht mehr wie vorher. Unsere Rituale, auch die verbalen, unsere Gewohnheiten, unsere Rollen, unser Team-Dasein – alles ist verändert. Und es wird sich noch viel stärker ändern. – Wer wird man, wenn ein naher Mensch am Weggehen ist? Wer werden wir bleiben und werden, wenn er gegangen sein wird? Wie anders wird das Haus klingen, wenn wir es irgendwann allein bewohnen werden? Wie werden die Kinder, ohne Vater dann, weiter in ihr Leben hinausgehen? Wie wird sich die Leerstelle füllen? Wie werden wir unsere Trauer leben? – All diese Fragen dringen mir im Moment nur selten in die Bewusstheit.
Vielleicht sind meine kleinen Traurigkeiten ja Schutzräume? Momente, in denen ich kurz mal Geschwindigkeit aus meinem derzeitigen Alltag nehme. Den Fokus vom ununterbrochenen Geschäftigsein auf das Eigentliche richte: Das Weh des bevorstehenden großen Abschieds, den wir zusammen durchleben. Und das Weh meines kleinen Abschieds vom bisherigen Alltag.
Und vielleicht wächst in diesen Atempausen noch etwas anderes. Meine Fähigkeit zum Beispiel, meine jetzigen Gegebenheiten als Kraftquellen zu erleben. Die vielen kleinen Ruhemomente am Tag als meine Zeit anzusehen. Unsere Begegnungen in der Krankheit als Geschenk lesen zu lernen. Die kleinen Signale des Frühlings eben doch wahrzunehmen.
Was ich brauche?
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